Happy End Geschichten
Betroffene und Angehörige berichten.
 
   
 
Der Adressat des Briefes ist seit 1997 Mitglied im Kreuzbund Wittlich. Nach einem Rückfall unterzog sich der Betroffene einer Langzeittherapie. Im Rahmen dieser achtwöchigen Maßnahme schrieb die Ehefrau dem Patienten einen sogenannten „Nassen Brief“.

"Hallo .....,

Du bist jetzt in der 6. Woche zur Therapie in Tönisstein; endlich lässt Du Deinen Worten Taten folgen.

In diesen Tagen und Wochen, in denen die ganze Last des Haushaltes mit der Versorgung Deiner Mutter und des Hundes allein auf meinen Schultern ruhte, hatte ich doch noch viel Zeit zum Nachdenken. Die Gedanken kamen mir besonders abends im Bett, in der Zeit bis endlich der erlösende Schlaf kam. Ich erinnerte mich daran, wie ich Dir oft in die Augen schaute, um dann mit einem Blick festzustellen, dass Du Alkohol getrunken hattest.

Wie konntest Du immer so schnell auf ein anderes Thema zu sprechen kommen. Wenn Dir kein anderer Ausweg mehr verblieb, so ließt Du mich einfach stehen und gingst in ein anderes Zimmer. Die Kontrolle der Flaschenbestände wurde mir zur fixen Idee.

Mein ganzes Leben nur Alkohol!

Zuerst mein Vater, der bestimmt in kein Glas hineinspuckte. Dann Dein Bruder, der sich systematisch ins Leberkoma gesoffen hatte und mit 33 Jahren elend in Bonn in der Uni-Klinik starb. Du erinnerst dich bestimmt auch noch an den Tag, als Dein Vetter vom Krankenwagen abgeholt wurde. Es war im Jahre 1988 und wir standen nebeneinander am Küchenfenster. Ein Sanitäter geleitete M. zum Rettungswagen. M. sah mit seinen 49 Jahren aus wie ein Greis. Es war das letzte Mal, dass wir ihn lebend sahen.

Wie oft habe ich Dir das alles in Erinnerung gerufen. Dann hast Du dich mal wieder eine Zeitlang am Riemen gerissen und dann hast Du wieder angefangen zu trinken. Die Erinnerungen an Deine Abstürze und die nachfolgenden Entgiftungen haben sich bei mir tief eingeprägt. Die Besuche anlässlich der letzten drei Entgiftungen auf der Psychiatrie waren für mich entwürdigend. Wie oft hatte ich mir vorgenommen: dass ist seine letzte Attacke; trotzdem blieb ich bei Dir.

Am Telefon habe ich Dir von dem Bericht im Fernsehen erzählt. Es ging um die Problematik Alkohol und Familie. Ich kann mich mit der Rolle der Ehefrau identifizieren, die ihren Ehemann jahrelang beschützte wie ein kleines Kind; Freunde und Verwandte belog, um seine „Unpässlichkeiten“ zu decken. Mir langt es!!!!
Ich habe die Nase voll von Deinem meditativen Blick zur Decke, wenn Du getrunken hattest. Ich kann keine Flasche mehr in Deinen Händen sehen.

Die Hände die ich jetzt so schmerzlich vermisse; die mich abends immer vor dem Fernseher in den Haaren kraulten. Ich will den Mann wieder haben, den ich im nüchternen Zustand gern habe. Dessen unverhoffter trockener Humor mir so oft vor Lachen Tränen in die Augen trieb. Den liebevollen Vater, bei dem die Kinder sich geborgen fühlten.
Ich erinnere mir an die vier Jahre Deiner Abstinenz. An die schönen Reisen. Teneriffa, Rügen, Garda-See, Bad-Füssing und nicht zu vergessen die Reise nach Irland. Dort spürte ich Deine Sorge um mich, als ich zu nahe an die Klippen trat.

Lass diese Erinnerungen wieder Wirklichkeit werden.
Spüre auch Du die Sorgen, die ich mir um Dich mache!
Spüle diese Sorgen weg; aber bitte nicht mit Alkohol.
Der Gedanke an Alkohol macht mich rasend; er macht mich krank.

Ich will leben, notfalls auch ohne Dich!

Deine …….“

Der Betroffene ist seit der Therapie abstinent!

 


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Stand: 30. April 2013