Happy End Geschichten
Betroffene und Angehörige berichten.
 
   
 
Ich bin Alkoholiker

Viermal bin ich schon gestorben. Zuletzt irgendwo auf einer Skipiste. An das Sterben erinnere ich mich noch genau: Aus weißen, nassen Schneemassen tauchten vor mir fünf riesige Eisbären auf und drei dunkelhäutige Frauen in weißen Pelzmänteln, die schreiend und mit Peitschenhieben die Bestien vor sich hertrieben. Direkt auf mich zu. Flucht war unmöglich. Mit aufgerissenem Maul trampelten mich die Kolosse nieder. Wild, viehisch, böse. Sie stampften mich in den Schnee, so lange bis es dunkel um mich wurde.

Hier musste die Hölle sein. Ein schmerzhafter Druck auf meinem rechten Oberarm drohte diesen zu zerquetschen. Leise Stimmen im Hintergrund, verschwommenes, blaugrünes Licht im Raum. Ein Piepton in der Ferne: Blutdruckmessgerät und Infusionsapparat arbeiteten. Zwei weißgekleidete Ärzte bemühten sich im Halbdunkel, mich aus dem Sterben zurückzuholen. Erwachen auf der Intensivstation. Befreiung aus einem Alptraum: alkoholisches Prädilier.

Ich bin 31 Jahre alt und alkoholkrank. Mein ehemaliger Freund Alkohol ist mir zum Todfeind geworden. Dieses Mal hat er versucht, mich endgültig k.o. zu schlagen.

Ein Drittel meines Lebens war ich eng mit der Flasche verbunden. Zehn Jahre lang pumpte ich Alkohol in meinen Körper. Hektoliter Wein und Bier waren durch meine Kehle geflossen. Getrunken hatte ich meist allein, heimlich, überall. Auf öffentlichen Toiletten, in Badezimmern, Kellern und Treppenhäusern. Hunderte von Flaschen hatte ich in Bettkästen, Küchenschränken, Waschkörben und sogar auf Kinderspielplätzen versteckt.

Vier Entgiftungen während der vergangenen zweieinhalb Jahre folgten Trinkpausen, sechzehn Monate insgesamt, und drei grausame Rückfälle, die mich körperlich, seelisch und geistig an den Abgrund meiner Existenz führten. Beim vierten Mal bin ich davongekommen.

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem alles seinen Anfang genommen hat. „Limonade ist für Kinder. Ein Mann trinkt Bier.“ Der diesen Satz sagte, der Vater eines Mitschülers und reicher Professor, war mir sympathischer als sein Sohn. An einem heißen Tag, kurz vor den Sommerferien hatte unsere Schulklasse eine Studienfahrt in die Stadt unternommen. Der Professor hatte uns zum Abschluss des Tages in seine Villa eingeladen.

Im Garten gab es ein Büfett und ein Holzfass mit Bier. Ich war 19 und mochte kein Bier. Ich hatte eine Vorliebe für Apfelsaft und eisgekühlte Zitronenlimonade. Ich saß auf einer gelb gepolsterten Hollywoodschaukel auf manikürtem Rasen, den sehe ich noch vor mir. Der Garten war groß und voller Blumen. Mitschüler standen in kleinen Gruppen herum. In T-Shirts und Jeans, mit halb gefülltem Bierglas in der Hand und Zigaretten zwischen den Fingern, wirkten sie erwachsen, locker und gebildet.

Ich beneidete sie. Sie allesamt hielten nicht besonders viel von mir. Ich war weder Musterschüler noch cooler Intellektueller. Ich hatte den Ruf eines konservativen und unsportlichen Ackergauls, galt bei Lehrern und Schülern als sensibel und introvertiert.
Einmal, nur einmal wollte ich über meinen Schatten springen, dieser Horde gleich sein. Limonade oder Bier?

Der Professor hatte ein Glas gezapft und reichte es mir. Ich trank. Kühl floss das Zeug durch meine Kehle. Das Blut rauschte wohlig durch die Adern. Alle Sinne wurden verzaubert. Das Gehirn fühlte sich an wie der vertikutierte Rasen unter mir –irgendwie durchlüftet. Völlig frei von bedrückenden Gedanken. Der Körper so leicht. Die Zunge locker. Der Garten farbenprächtiger als zuvor. Die Klassenkameraden lebensfroh, beinahe liebenswert. Im grünen Park des Professors erwachte ich zum Leben. Neun Jahre humanistische Bildung in Klostermauern lösten sich auf in einer Leichtigkeit des Seins.

Das wollte ich noch einmal erleben.

Gleich am nächsten Tag stieg ich in den Keller meiner Eltern und nahm eine Flasche Bier aus dem Kasten. Ich leerte sie in meinem Zimmer. Alleine. Belohnung für einen anstrengenden Schultag. Niemand sollte es erfahren. Und niemand ahnte, dass ich bereits den Startknopf der Suchtmaschine gedrückt hatte.

Zu Beginn meines Studiums kauften mir meine Eltern ein Appartement in der Stadt. Dort sollte ich die nötige Ruhe fürs Lernen finden. Doch das Studieren wurde eine einsame, belastende, angstvolle Angelegenheit. Ich besaß Unmengen von Büchern, über Publizistik, Politik, Rhetorik, Psychologie und Französisch. Freunde hatte ich keine.

Ich wollte vor allem eins: schnelle Karriere machen. Doch da war noch etwas anderes in mir: Angst. Angst vor dem Versagen. Angst, meinen Weg nie zu finden. Bloß nicht daran denken. Keine Angst, bloß keine Angst haben.

Der Wein schmeckte mir schon nicht mehr, er war ein Werkzeug geworden. Mein Motor und Energielieferant, um im Leben zu funktionieren. Um arbeiten zu können, Sorgen und Ängste zu verdrängen, Freuden zu intensivieren. Ich trank und erlebte, wie mich Alkohol animierte, beruhigte, belegte, antrieb. Alkohol als Medizin.

Ich träumte von Geld und Erfolg. Ich sehnte mich nach Liebe, aber es gab sie nicht. Wo war sie nur, wer sollte sie mir schenken?

Keine Liebe, also Leistung. Mein Alkoholkonsum steigerte sich wie mein Arbeitswahn: lernen, lesen, leisten. Ora et labora, bete und arbeite, so hatten es mir die Geistlichen in der Schule beigebracht. Das Beten hatte ich verlernt. Alkohol war augenscheinlich effizienter.

Drei Gläser Sekt vor Referaten, um vor dem Auditorium zu bestehen und höchste Punktzahlen zu erreichen. Analytisches Denken schien nur mit trockenem Soave zu funktionieren. Bevor ich mit Kommilitonen loszog, um das Nachtleben der Stadt in mich aufzusaugen, trank ich – auf Vorrat. Ich trank, um mich in die euphorische Stimmung eines Draufgängers zu katapultieren.

In Gesellschaft trank ich fast nichts. Ich wollte nicht unangenehm auffallen, vor allem Mädchen nicht spüren lassen, dass Alkohol längst Bestandteil meines Alltags war. Inzwischen wusste ich, dass ich Alkohol brauchte, um mich und andere zu mögen. Doch noch immer glaubte ich, meinen Konsum irgendwann reduzieren zu können.

Das Verlangen nach noch einem Glas wurde immer stärker. Schon bald konnte ich nicht mehr –wie andere- aufhören, wenn es genug war. Ich war süchtig.

Ich begann mich zu isolieren. Ich hörte die Stille in der kleinen Wohnung. Ich schloss mich ein und versuchte mich auf den Lehrstoff zu konzentrieren. Die Flasche immer dicht neben mir. Mein Kopf bekam die Form einer Birne. Mein Körper glich einem Schwamm, der ständig getränkt werden wollte, um nicht auszutrocknen. Drei Flaschen Chardonnay täglich, gut zwei Jahre nach dem ersten Bier beim Professor.

Ich wurde einsam. Meine Eltern mussten mich nur anschauen, um zu wissen, was mit mir los war. Anfangs schrien und schimpften sie noch. Dann nicht mehr. Es gab niemanden mehr, der mich anschreien wollte.

Meine letzten Kräfte galten dem akademischen Abschluss. Ich war kraftlos. Ich weinte. Und immer wieder Soave. Ich hasste mich.

Zwei Tage vor der ersten mündlichen Prüfung kam das Aus per Einschreiben: „Magisterarbeit nicht bestanden“. Schluss. Aus und vorbei. Keine Perspektiven mehr. Seelischer Zusammenbruch.

Damals, kurz vor meinem ersten alkoholischen Sterben, lernte ich Pia kennen. Eine hübsche junge Frau, die mich aber nicht gleich faszinierte. Sie lernte mich betrunken kennen. Ihren Charme, ihre Schönheit, ihre Freundlichkeit nahm ich dann wahr, als ich die erste Entgiftung in einem Krankenhaus überstanden hatte. Ich war trocken.

Monate folgten, die mein Leben prägten. Pia schenkte mir, was ich jahrelang vermisst hatte: Zärtlichkeit, Wärme, Geborgenheit. Ich lernte zu küssen, zu empfinden, ich lernte, was das Leben an Schönem bereithält. Ich lebte im Augenblick.

Unsere Spaziergänge –Pia, wie sie meine Hand hält und lächelt. In den Suks von Marrakesch: Pia will einen krummen Kerzenleuchter aus Schmiedeeisen kaufen. Ihre Freude, als ich dem Händler übersetze. Pia, wie sie Salat in meiner kleinen Küche wäscht.

Ich genoss ihre Gegenwart. Ich hatte den Abschluss nachgeholt und auch eine Weiterbildung durchgestanden. Ich arbeitete in einem Brotberuf: Marketing bei einer Messegesellschaft. Das Leben hatte wieder Sekunden und Minuten, die ich nie missen wollte. Wenn Pia abends neben mir einschlief, sehnte ich mich schon nach dem Morgen.

Der Rückfall geschah in Paris. Schon Wochen vorher spielte er sich in meinem Kopf ab. Da lehnte ich noch mechanisch jedes Glas Alkohol ab, dass man mir anbot. Doch längst lag mir der Satz „Ein Schluck wird schon nichts anrichten“ auf der Zunge.

Dann zwei Gläser Beaujolais bei einer Einladung zum Essen. Ganz ohne Hemmungen. Die Vernunft war ausgeschaltet.

Zwei Wochen nach den beiden Gläsern in Paris verlangte mein süchtiger Körper wieder nach gut zwei Litern, verteilt über etwa achtzehn Stunden täglich.

Mein Job erforderte in dieser Zeit Tempo und Energie. Ich war ständig auf Reisen, musste Pressekonferenzen in ganz Europa vorbereiten und vor Journalisten sprechen. Ich benutzte einen umgearbeiteten Aktenkoffer mit einer gefütterten Zwischenwand in dem großen Fach mit Reißverschluss. Da standen zwei Flaschen, die so weder umfallen noch aneinanderschlagen konnten.

Ich schluckte schon, bevor ich mich auf den Weg machte. Die Flugzeugtoilette wurde meine heimliche Bar. Ständig dachte ich: Riecht mein Atem nach Alkohol? Aus dem Gedanken wurde eine Manie. Gefahr bei jeder Begegnung, als Trinker entlarvt zu werden. Ich hielt Abstand. Ich trank im Fahrstuhl auf dem Weg zur Pressekonferenz. Ich schluckte Mundwasser. Mundsprays benutzte ich so oft, dass sich meine Schleimhaut entzündete.

Mein Alltag wurde ausschließlich vom Denken an Alkohol bestimmt. Ich begann mich aufzureiben. Den Stoff besorgen, ihn in kleinere Fläschchen umfüllen, die ich überall verstecken kann, um über den Tag zu kommen. Nachschub einkaufen, bevor Pia kommt, entkorken, wieder schlucken, mehr schlucken. Die Wirkung, wo bleibt die Wirkung? Pia an der Tür, Pia in der Wohnung. Eine Ausrede um ins Bad zu können, der Griff in den Wandschrank, meine gierigen Augen im Spiegel über dem Waschbecken, leise den Korken ziehen, Flaschenhals in den Mund, Schütten, während ich die Toilettenspülung bediene, um meinen Aufenthalt an diesem Ort zu rechtfertigen, Mundwasser in den Schlund, die Flasche wieder zurück in den kleinen Schrank. Wenn Pia schläft, wieder mehrere Schlucke. Schnell ins Bad, bevor sie erwacht. Das Zeug bereits morgens um sieben bei laufender Dusche kippen.

Pia merkte, dass etwas nicht stimmte. Sie wurde misstrauisch, ich nervöser und gereizter. Ich belog sie, schämte mich, Schuldgefühle erdrückten mich. Ich wollte ihr nicht weh tun, aber ich musste trinken, schluckte literweise heimlich. Und ich wollte ihr doch nur sagen, wie wichtig sie mir ist.

Eines Morgens überraschte sie mich im Bad. Riss die Tür auf, sah mich in jämmerlichen Zustand im Schlafanzug und mit der Flasche in der Hand. Entsetzen, Verzweiflung über meinen Rückfall, Weinkrämpfe. Ich werde den Anblick wohl nie los, wie sie auf mein Bett fiel, schluchzend, erschöpft, unfähig, Antworten auf meinen Wahnsinn zu finden.

Ich hatte nie ihretwegen zur Flasche gegriffen. Die tödliche Sucht hatte mich bereits fest im Griff, als Pia in meinem Leben auftauchte. Irgendwo in mir schrie eine Stimme, aber ich konnte nicht mehr gehorchen, ich konnte mich nicht mehr gegen das quälende Verlangen nach Alkohol wehren. Sucht ist stärker als Liebe.

Wir durchlebten zwei weitere Rückfälle innerhalb eines halben Jahres. Pia, wie sie mich schluchzend an der Hand in die Klinik zerrte und den Arzt auf dem langen Flur mit Neonlicht anflehte, mich zu behandeln. Aber ein Bett in der toxikologischen Abteilung war in frühestens vier Wochen frei. Ich solle weitertrinken, so der ärztliche Rat, um einen alkoholischen Krampf zu vermeiden.

Ärzte und Schwestern des Krankenhauses kannten mich bereits. Nichts Besonderes mehr für sie, als ich auf der Pritsche schwitzte, zitterte und wimmerte. Ihre Fürsorge: siebenmal täglich Distraneurin, ein chemischer Alkoholersatz. Die Qual dauerte immer vier Tage und drei Nächte.

Pia war am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte. Sie fühlte sich von mir mit der Flasche betrogen. Vier Wochen nach meiner letzten Entgiftung trennte sie sich von mir.

Mein langjähriges Versteck- und Rollenspiel endete in der Fachklinik Bad Tönisstein.
„Ich heiße Christian, bin 31 Jahre alt und alkoholkrank.“ Ich sagte diesen Satz immer zu Beginn einer Therapiestunde. Ich sage „alkoholkrank“ und nicht „Alkoholiker“. Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich eingesehen habe: Alkoholismus ist eine Krankheit.

Hier wurde ich den Hass auf mich selbst los.

Etwa in der Sandsackstunde: Ich begann, den schweren Sack zu malträtieren. Rhythmisch schlugen meine Fäuste gegen das Leder, heftiger, ich holte weiter aus, ich schlug und schlug. Die Augen geschlossen, spürte ich Schweiß und Tränen über die Lippen rinnen, ich hörte das Herz pochen, fühlte das Blut in den Adern, der Körper wie eine ferngesteuerte Maschine, die im Geist Tausende Flaschen zerschlug. All die grünen und braunen Flaschen, die mir meine Liebe genommen hatten, die mich fast umgebracht hatten. Erschöpft fiel ich auf eine blaue Matte zurück. Der Körper schwerelos, die Fäuste brennend, der schwarze Seelenklumpen weggesprengt.

Ich mochte das „Wetterkartenspiel“. Auf dem Rücken des Mitspielers werden mit den Fingern Wetterlagen gezeichnet. Eine Patientin lachte laut, als ich ihr einen Hagelsturm auf den Rücken trommelte und einen Orkan in ihr Ohr zischte.

Nach einigen Wochen war ich mir sicher und unendlich erleichtert: Ich hatte kapituliert! Kapituliert vor dem Alkohol. Ich will ihn nie wieder herausfordern.

Ich weiß, dass ich immer ein Alkoholiker bleiben werde. Nie konnte ich mir vorstellen, mit diesem Wissen frei und unbeschwert zu sein. Aber heute bin ich frei, eben weil ich es weiß und nicht mehr trinken muss. Heute spüre ich jeden Augenblick, wozu ich geboren wurde – um zu leben.

Christian W.

 


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Stand: 30. April 2013