Happy End Geschichten
Betroffene und Angehörige berichten.
 
   
 
Dieser Artikel eines Gruppenbesuchers des Kreuzbund Wittlich erschien im "Weggefährte 2/2011" (Mitgliederzeitschrift).

Geboren um zu leben

Mein Vater ist Alkoholiker (seit 1999 trocken). und wir lebten in einer ca.50 m² großen Mietwohnung. Wir hatten weder Heizung, Badezimmer und auch kein warmes Wasser. In unserer Küche stand ein Ofen und ein Schwarz- Weiß- Fernseher. Unser Klo befand sich im Flur und war höchstens so groß wie eine Telefonzelle -natürlich ohne Waschbecken. Ein Waschbecken befand sich in unserer Küche, allerdings nur mit kaltem Wasser. Um sich zu waschen, musste man sich Wasser auf dem Ofen kochen und dann in eine Waschschüssel umfüllen. Waschen war also nur möglich, wenn kein Besuch im Haus war.

Im Haus und in der Nachbarschaft wohnten weitere Alkoholiker. Der einzige erwachsene Mensch, der so gut wie keinen Alkohol trank, war meine Mutter. Ihre Aufgabe bestand darin, zusammen mit meiner älteren Schwester, meinen älteren Bruder und mich großzuziehen und uns Hoffnung zu machen, dass alles irgendwann einmal besser wird. Die Liebe zu meiner Mutter ließ es mich glauben, obwohl das zu oft versprochene nie eintrat. Mit ihr war es schön, da sie sich alle Mühe gab, es uns so angenehm wie möglich zu machen.

Bis unser Vater nach Hause kam - dann drehte sich alles um ihn. Dann wechselten wir Kinder uns ab, wer dran war, den Alkohol zu kaufen und wer in den Keller musste, um Brikett zu holen. Ich weiß nicht, was schlimmer war, mit den klappernden Flaschen durchs Dorf zu laufen oder um das halbe Haus in den dunklen Keller zu klettern, um die Eimer mit Brikett zu füllen. Beides war die Hölle. Beim Alkohol kaufen habe ich mich geschämt, weil man immer in Raten hingehen musste. Es wurden nie zwei bis drei Kisten gekauft, nein mal sechs Flaschen, dann noch mal zehn Flaschen und so weiter. Aber auch zwei bis drei Kisten hätten mit Sicherheit nicht gereicht.

Und die Sache mit den Kohlen war ähnlich. Da hätten wir einen ganzen Zentner am Tag hochtragen können, die hätte er alle verfeuert und am Abend hätten wir dann trotzdem runter gemusst. Ich hatte unheimliche Angst, in diesen Keller zu gehen. Wenn unser Vater dann zu Hause war, ging es los. Zuerst trank er. Dann wusch er sich in der oben beschriebenen Art in der Küche. Wir hörten dann zu, was er so erzählte. Er trank dann immer weiter, eine Flasche nach der anderen. Bis meine Mutter zum Essen drängte. Er aß selten mit. Dabei lief meistens die Flimmerkiste, und wir mussten still sein. Ganz still. Wenn er dann besoffen war, wurde entweder geschimpft oder er hatte große Pläne, die aber niemals umgesetzt wurden. Am Wochenende schlief er dann oft bis Mittag, das gleiche Prozedere ging dann los, wenn er aufstand.

Natürlich gab es auch Tage, an denen er keinen oder wenig Alkohol trank. Diese Tage waren besonders schön, weil er dann auch Dinge mit uns unternahm. An diesen Tagen war ich sehr stolz auf meinen Vater, und vor allem freute es mich für meine Mama. Aber es kamen dann wieder die Tage, an denen er trank. Aus dem Stolz wurde Hass. Niemals in meinem Leben werde ich wie mein Vater, schwor ich mir.. Natürlich traute ich mich nicht, Freunde mit nach Hause zu nehmen und wollte auch nicht, dass sie zum Spielen kamen. Ich fing an zu lügen und erfand die tollsten Geschichten, warum man nicht bei mir spielen konnte. Natürlich merkten meine Freunde, dass es gelogen war, und sie wussten auch alle warum. Ich wurde zum Außenseiter.

Mit neun oder zehn Jahren habe ich mit meinem zwei Jahre älteren Bruder bei der Nachbarin im Keller eine Flasche Wein gestohlen. Wir wollten mal sehen, was daran so Besonderes ist, und außerdem was für Erwachsene so gut ist, konnte für uns nicht schlecht sein. Wir tranken die Flasche leer. Es schmeckte nicht besonders gut, aber uns wurde flau und schwindelig. Wir machten uns darüber keine Gedanken. Es ging dann so weiter, dass ich gelegentlich, wenn keiner zu Hause war, mir eine Flasche Bier nahm und sie heimlich trank. Den Kronkorken drückte ich wieder auf die leere Flasche und stellte sie zwischen die anderen. Ich wusste, dass meine Mutter die leeren Flaschen eines Tages entdecken würde, trieb das Spiel aber weiter. Als sie es bemerkte, schob ich es meinem Vater in die Schuhe. Ich wusste genau, dass meine Mutter aus Angst vor ihm ihn nicht damit konfrontieren würde. Meine Rechnung ging auf und sie sagte nichts. Ich weiß heute nicht mehr, wie viel und wie oft ich Bier oder Wein gestohlen habe, aber den Trick mit dem Kronkorken konnte ich natürlich vergessen.

Richtungsweisend war für mich die erste Party zu der ich eingeladen wurde. Schnell merkte ich, dass man mit Saufen auch im Mittelpunkt stehen kann. Und man sogar noch am nächsten Tag im Gespräch war. Ich suchte mir Freunde, die mit mir tranken. Und es tat gut. Sehr gut. Weg von zuhause, und das Beste war die Wirkung. Nüchtern bekam ich den Mund nicht auf, habe mich nicht getraut, Mädchen anzusprechen, hatte kein Selbstbewusstsein, mit Alkohol war alles anders. Ich hatte meinen Retter gefunden. Natürlich habe ich nicht vergessen, was der Alkohol aus meinem Vater und dessen Freundeskreis gemacht hat. Aber ich hatte mir geschworen, bevor du so wirst, hörst du auf. Das ist mir nicht gelungen. Ich trank immer mehr und immer öfter. So musste ich auch einige Tiefschläge hinnehmen. Ich fuhr im Suff einige Autos zu Schrott, verlor Freundinnen und gute Freunde durch die Sauferei, verlor den Führerschein, usw. Das war alles schmerzhaft, und es tat mir auch leid, aber ich konnte ohne Alkohol nicht mehr leben.

Dann kam es für mich ganz hart. Meine Mutter starb mit 53 Jahren an Krebs, als ich 22 Jahre alt war. An diesem Tag verlor ich jeden Halt. Mein Vater auch. Da meine Geschwister alle nicht mehr zu Hause wohnten zog auch ich aus. Es gab für mich keinen Grund mehr, dort zu bleiben. In meiner neuen Wohnung begann ich dann auch alleine zu trinken. Ich lebte nun ganz alleine mit meinem Freund Alkohol. Ich bekam noch einmal den Führerschein abgeholt und verlor meine Arbeitsstelle. Ich rutschte immer tiefer. Jeder, der bereit war, mit mir zu saufen, war mein Freund, jeder, der dagegen war, mein Feind.
Es kam soweit, dass ich nur noch Alkohol trank. Ich ging mit ihm ins Bett und stand auch mit ihm auf. Es ging mir gesundheitlich sehr schlecht. Ich konnte oft nichts essen, oder es blieb nicht drin. Das Zittern war am schlimmsten. Ich war genau da, wo ich nie hin wollte. Egal, wie fest ich mir vornahm aufzuhören, ich schaffte es nicht. Natürlich habe ich es oft versucht, aber ich habe es nicht hinbekommen. Hätte man mich zu diesem Zeitpunkt ohne Alkohol eingesperrt, ich wäre verrückt geworden. Ich wollte nicht mehr Leben. Hätte man mir in dieser Zeit eine Flasche Schnaps gegeben mit der Sicherheit, dass ich beim Leeren dieser Flasche tot umfallen würde, hätte ich sie ohne mit der Wimper zu zucken ausgetrunken.

So dauerte es noch jede Menge Alkohol, bis ein Ruck durch mich fuhr und ich es noch einmal probieren wollte. Zwar nicht direkt aufhören mit Alkohol trinken, aber wenigstens nicht mehr saufen. Ich dachte, wenn ich vielleicht den Führerschein wieder bekomme oder die Arbeitsstelle oder die Partnerin, die ich einen Monat zuvor kennen gelernt hatte, wäre es ein Anfang. Aber egal, um was ich mich bemühte, mir wurde immer gesagt, ich sei Abhängig. Mir wurde eine Entgiftung geraten oder eine Therapie oder wenigstens eine Selbsthilfegruppe.

Ich entschied mich für die Selbsthilfegruppe. Ich fragte mich, was dort wohl für Menschen sitzen? Wie mögen die wohl aussehen? Meine Freundin fuhr mich am Freitagabend zum Kreuzbund. Der Name kam mir schon komisch vor, und so ging ich voller Vorurteile dorthin. Ich werde es nie in meinem Leben vergessen. Meine Freundin ließ mich aussteigen und fragte, ob sie mit kommen sollte. Ich wollte es aber nicht, da ich mich auch ihr gegenüber schämte.

Nun stand ich da und dachte, jetzt bist du wieder der Außenseiter, und alle lachen dich aus. So war es nicht. Kaum stand ich da, kam der Gruppenleiter zu mir und fragte. ob ich zur Selbsthilfegruppe wollte. Er war freundlich und sagte es so, als wäre es das normalste auf der Welt. Er nahm mich mit zu den übrigen. Es waren rund 20 Personen. Keiner von den Männern und Frauen sah mich komisch an. Sie wirkten alle ganz normal. Ich ging mit hoch, und wir setzten uns in einen Kreis. Ich wäre am liebsten vom Erdboden verschwunden! Der Abend verlief gut. Man ließ mich in Ruhe, um mich an die Gruppe zu gewöhnen. Ich war froh, nichts sagen zu müssen. ich hätte es auch nicht gekonnt. Ich war beeindruckt von den Menschen, die da saßen. Die meisten sahen nicht mal so aus wie Alkoholiker (aber wie soll der auch aussehen)? Menschen aus verschiedenen Schichten der Gesellschaft, stolz darauf, trocken geworden zu sein, selbstbewusst, offen und voller Motivation, ihren Weg weiter zu gehen.

Seit diesem Freitag trinke ich keinen Alkohol mehr. Die Gruppe besuche ich weiterhin regelmäßig. Das ist über elf Jahre her, und ich bin zufrieden trocken. Meinen Führerschein und meine Arbeitsstelle habe ich wieder bekommen. Auch meine Freundin habe ich geheiratet und wir haben drei Mädchen bekommen, die ich von ganzem Herzen liebe. Der Kreuzbund hat nicht nur mein Leben gerettet, sondern mir noch ein neues Leben geschenkt. Dafür sind meine Familie und ich immer dankbar. Danke!

Siegolf Lützig (39), Gruppenleiter

 


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Stand: 30. April 2013